Karaganda — Kistanova Ekaterina

Der Moment in der Ewigkeit.

Und sein Gesicht. Es ist etwas in seinem Gesicht, das niemand wirklich gut beschreiben kann. Er ist nicht hässlich.

Meine Mutter sagt, dass es manchmal Momente gibt, die der Ewigkeit würdig sind und für immer in ihr verweilen und, dass es sich lohnt, für diese Momente zu leben. Augenblicke mit unvergänglichem Wert und besonderer Bedeutung für das Leben oder umgekehrt, Momente, in denen du einfach stehen bleibst und endlich merkst, was rings um dich ist. Dein Kopf ist vollkommen leer. Du siehst den Sonnenschein und du bemerkst, woher das Vogelgezwitscher erklingt, du siehst jemandem dabei zu, wie er sich einen Mantel überwirft. Du bleibst stehen, um die Regentropfen zu spüren oder die Sonne zu genießen. Aber dagegen erwachen so viele Gedanken in deinem Kopf, dass du beginnst, dein gesamtes Leben und deine Ziele zu hinterfragen. Und dies war ein solcher Moment.

Ein Mann, der noch jung ist, aber erwachsen genug, um über das Leben sinnieren zu können. Er weiß noch nicht, was Verlust bedeutet, doch er ist bereits des Lebens müde. Er hat viele Freunde, er ist sehr freundlich und hat eine große Familie, die ihn liebt. Er hat seine Familie verlassen, und dennoch warten seine Verwandten auf ihn. Er hat keine Feinde.

Und alle, die ihn kennen, haben eine gute Meinung von ihm. Er ist ein normaler Mann, mit vielen Problemen und Sorgen, doch genau wie allen anderen Menschen auf dieser Welt ist ihm etwas Besonderes zu eigen. Und wenn jemand fragt, was das Besondere an ihm sei, dann sagen immer alle: sein Fotoapparat und sein Gesicht.

Es ist nämlich so. Man sieht diesen wunderbaren Mann nie ohne seinen Fotoapparat. Es ist, als schliefe und äße er mit ihm, putzte sich die Zähne und duschte, ginge spazieren und sähe fern, machte in der Bibliothek seine Hausaufgaben und verbringe seine Freizeit mit Freunden und Verwandten und dem Fotoapparat. Anders gesagt, er macht alles mit seinem Fotoapparat.

Der Apparat ist nicht groß und nicht klein, nicht modern, aber auch nicht alt. Seine schwarze Farbe ähnelt im Schein der Sonne dem lackierten Leder einer neuen Tasche und die alten Zeichnungen seines Besitzers, die sich auf der ganzen Oberfläche des Fotoapparats verteilen, machen ihn nur noch schöner und erinnerungswürdiger. Es sind Zeichnungen aus der Vergangenheit. Motive aus seiner Kindheit: Spielzeug, Fußbälle, Flugzeuge oder einfach sinnlose Kritzeleien, die er, wie viele andere, gar nicht mehr zu deuten vermag.

Und sein Gesicht. Es ist etwas in seinem Gesicht, das niemand wirklich gut beschreiben kann. Er ist nicht hässlich. Er hat eine schöne Nase und einen attraktiven Mund, einnehmende Augen. Doch da ist etwas Geheimnisvolles in seinem Gesicht, sodass jeder, der ihn sieht, das Verlangen verspürt, ihn kennen zu lernen, um dieses Geheimnis zu lüften.

Der rätselhafte Mann steht am Abhang eines Berges. Da ist ein lichter, heller Wald mit vielen gelben und orangefarbenen Blättern. Der Mann steht mit dem Rücken zum Wald. Im Licht der untergehenden Sonne, wirkt er märchenhaft, ein Märchenwald. Der Abhang bietet den besten Blick über die Stadt, die bereits im Schein der nächtlichen Laternen schimmert. Irgendwo in diesem Wald ist eine Eule… „Schuhuuu…“. Dann zeigt sich der Mond. Es ist fast Nacht.

Fast niemand kennt diesen Ort, er hat aber viele heimliche Freunde. Für den Mann ist es ein Zufluchtsort. Wie früher, wenn man sich als Kind auf einem Baum, oder in einer tiefliegenden Ecke im Schrank versteckt hat und wo man nie gefunden wurde. Dorthin konnte man immer, um allein zu sein, Musik zu hören oder nachzudenken.

Und da ist dieser Moment. Der Moment, da so viele Gedanken in seinem Kopf wimmeln. Gedanken an die Zukunft. Er steht, denkt, macht ein Foto, auf dem man seine Heimatstadt Karaganda sieht. Eine Stadt, in der es keine Berge gibt, die keine Megapolis ist. Doch wenn er das sieht, träumt er von einer Reise in die Berge, die er sehr liebt, wo er vielleicht seine zukünftige Frau treffen wird und in ein paar Jahren mit seinen Kindern an diesen Ort zurückkehrt, damit neue Fotos von Karaganda entstehen und diese dann an einer weißen Wand zwischen Familienfotos und einem Bild von diesem unnormalen Moment der Ewigkeit hängen, weil dieser Moment für die Ewigkeit ist.

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