Finale Reisenotizen

Ein Bahnhof in Kasachstan

Ein Bahnhof in Kasachstan

Und jetzt? Bin ich zurück in Österreich, sehe Notizen durch, speichere Fotos ab, und leb in einer zweiten, langsam verblassenden Gegenwart, aus Kasachstan und Kirgisistan mitgebracht. Momente wirken nach, Begegnungen bleiben besonders, wie die zwei Jungs, die das Organisationsteam und mich in Kostanai an ihren Tisch einladen. Im Restaurant Bavaria trinken wir Bier auf ihre Rechnung, sie zitieren Puschkin und bitten als Gegenleistung Moritz und mich, ihren Angetrauten für den nahenden Weltfrauentag Liebesgedichte zu schreiben. Wir notieren einige Zeilen und die Zwei bestehen auf ein Autogramm, denn auch, wenn sie kein Deutsch können, die Blätter wollen sie ihren Frauen als exotische Draufgabe zu den Blumen überreichen. Ich sitze mit dem 1. FC Pawlodar im Flugzeug, das mich spätnachts von Istanbul nach Astana bringt, und mit der kasachischen Ringer-Nationalmannschaft in der Maschine, die mich frühmorgens von Bischkek zurück an den Bosporus schickt, in der Zeit dazwischen verbringe ich unzähligen Stunden in Zügen, einmal sechsunddreissig, um von Pawlodar per Astana Shymkent im Landessüden zu erreichen, sechsunddreissig Stunden, um von eisbepanzerten Straßen in den Frühling zu gelangen, zu warmen Regen, austreibenden Bäumen und Staubwolken, die der Wind durch den Bazar hetzt. In stoffverhangenen Korridoren drängen einstige Nomaden, Russen, Wolgadeutsche, Tschetschenen, Südkoreaner, Usbeken und Ukrainer, das riesige Kasachstan mit seinen spärlich verstreuten Städten entpuppt sich als Heimat vieler Völker, aus sämtlichen Himmelsrichtungen hierher verschlagen, mitunter aufgrund der von Stalin angeordneten Umsiedlungen, die während des Zweiten Weltkrieges etwa die Wolgadeutschen dem Einfluss der näherrückenden Wehrmacht entziehen und ihrem möglichen Überlaufen entgegenwirken sollten.

Minus 17 Grad in Pawlodar. Draußen brennt der Wind auf jeder Stelle nackter Haut, drinnen ist’s überall saunawarm. Mit Herbstbeginn wird die Hitze im Heizwerk auf- und erst mit Winterende wieder abgedreht, in den Wohnungen, Restaurants und Cafés glühen die nicht regulierbaren Heizkörper als zentralgesteuerte Zwangsbeglückung. Morgens kommt das erste Einatmen der Kälte einem Tabula Rasa gleich, aller Schlaf und jeder Kater wird aus dem Kopf gejagt. Unterwegs, am Perron einer mir unbekannten Stadt, zeigt eine alte Frau lächelnd ihre Goldzähne. Du siehst aus wie Lenin, sagt sie am lichtdurchfluteten Bahnhof, sie wartet mit einem Wägelchen voller Kekse und Limo auf den nächsten Zug, die nächste Verkaufsrunde, an Gleisen wird geräucherter Fisch angeboten, mit aufgeschnittenen, aufgefalteten Bäuchen trägt man ihn durch die Waggons und lange hängt der Rauchgerauch in den Abteilen. Vorm Fenster das Ufer eines scheinbar endlosen Sees, ich lese M Train von Patti Smith und stoße darin auf ihre Idee, einen Satz in Roberto Bolanos Amuleto weiterzuspinnen. Bolano schreibt vom Hecatomb, der antiken rituellen Schlachtung von einhundert Ochsen, und Smith nimmt sich vor, in Erinnerung an den verrücktesten, weisesten Detektiv unter den Dichtern ein hundertzeiliges Poem zu verfassen. Ich spiele mit dem Vorhaben, es ihr gleichzutun, hundert Zeilen für sie und für Bolano, und dann eine davon verschwinden zu lassen, den Satz, der mir am meisten bedeutet, in der kasachischen Steppe zu begraben als kleines Ritual meiner Reise.

Das Tor in den Bazar von Shymkent

Das Tor in den Bazar von Shymkent

Hoch an den Laternenmasten hängen Lautsprecher, die tagsüber das jeweilige Stadtradio übertragen, ein sowjetisches Erbe als seltsam anmutendes Hörerlebnis, wie Filmmusik, die leise im Hintergrund klingt, während man vorsichtig über vereiste Gehwege tappt und Autos unbeabsichtigt (aber wer weiß) eine 180 oder 360 Grad-Drehung vollführen. Nochmals zum Weltfrauentag, der in Zentralasien unerwartet groß gefeiert wird: Vor Wohnungstüren, in Höfen und an Bahnsteigen warten Männer mit Blumen oder eilen mit Süßigkeiten zu Verabredungen. Man beglückwünscht Passantinnen, verbringt den gesamten Tag, auch fremden Frauen soviel Anerkennung wie nur möglich zu versichern. Im Zug liegt auf den oberen zwei Betten des Vierer-Abteils ein älteres Paar, das den Großteil der Fahrt miteinander schäkert, er neckt sie, flüstert ihr etwas zu und sie kichert leise. Männer in Pelzmäntel tragen ihren gleichsam in schwarzglänzenden Pelz gewandeten Ehefrauen die Handtaschen, halten Türen auf, helfen der Angetrauten in den Mantel, haben immer Feuer parat und Zigaretten ohnehin, alles Gentlemen der alten Schule, Kasachstan hat nichts mit Borat, aber ein wenig mit Mad Men zu tun, selbst wenn das von Cohen persiflierte Patriarchat abgesehen vom nationalen Feiertag fröhliche Urständ feiert. In Bischkek bekomm ich von der Leiterin des Sprachlernzentrums einen Kalpak geschenkt, die traditionelle kirgisische Kopfbedeckung, und als ich mich damit im Spiegel seh, ist die erste Assoziation Mel Brooks Robin Hood, wir singen Matrosenlieder und schreiben Shantys, feiern eine Diskonacht mit Liedern von Rammstein und Modern Talking und die Einheimischen tanzen so enthemmt, wie ich es gern gemacht hätte, hätte ich mich getraut, damals, als dieser Sound in Tiroler Provinzclubs state-of-the-art war. Gramm um Gramm wird das Wodkamenü erkundet und der längste Kuss der Welt à la Rühm erörtert, in der hypnotisch leeren kasachischen Grasebene und im kirgisischen, viertausend Meter hohen Wall aus Schnee und Fels zählt die Liebe viel, die Ehe wenig. Hey Dzhigit, ruft man in Bischkeker Straßen, ho Brad in jenen Pawlodars und Kostanais, he Drug, rufe ich in Shymkent einen Kellner und ernte dafür strafende Blicke.

Aber jetzt? Jetzt denk ich an die mehr als 40 kasachische und kirgisische Poet*innen, an ihre Gedichte über Tiere, Liebe, Fernweh, Zweifel, Glück, über Deutschland und Asien, Europa und das Weltall, Gedichte von fernen Planeten und den Doppelgängern Putins, von Ray Bradbury, di Caprio und Nostradamus, mir wirbelt der Kopf vor rubinroten Wortorkanen, brezeligen Schneekatzen, yeah, denke ich mehr als einmal, wie schön und umwerfend kann Dichten sein, wie erstaunlich und überraschend, wir reizen die Stimme, modellieren Selbstlaute zu Urschreien, an vier Präsentationslesungen werden geschätzte zweitausend Luftballone samt angehängten Überraschungsgedicht verschenkt, Zeitungen berichten und TV-Stationen filmen live, sorgen für ein erstaunliches Voice-over, wir tauschen Adressen und Profilnamen, knipsen Erinnerungsfotos, und die Begeisterung, während der Workshops und nach jeder Lesung zu spüren, ist die zurückgelegten Kilometer wert, ich kreuz die Finger und hoff, dass manche beim Schreiben bleiben und nie mehr damit aufhören. Ich sag Danke, ans Goethe-Institut und ganz besonders an Moritz, Iwi, Gisela und Robin. Kauderwelsch dichtet die Steppe.

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